Fünf Geiseln in Mogadiscio freigelassen
Schwere Vorwürfe der Übergangsregierung an die Uno
Fünf der am Dienstag in Mogadiscio entführten Mitarbeiter von
Hilfsorganisationen sind am Mittwoch freigekommen. Die Bemühungen um
die Freilassung von vier weiteren Geiseln dauerten noch an. Die
Übergangsregierung richtete Vorwürfe an den Uno-Sicherheitsdienst,
welcher ein Angebot zum Schutz der Helfer abgelehnt habe.
win. Nairobi, 28. März
Nach dem ausserordentlich heftigen bewaffneten Angriff auf den Sitz
der Hilfsorganisation Médecins sans frontières (MSF) in der früheren
somalischen Hauptstadt Mogadiscio, in dessen Rahmen am Dienstag neun
ausländische Mitarbeiter von MSF und mehreren Uno-Organisationen
entführt worden waren, hat in Mogadiscio am Mittwoch gespannte Ruhe
geherrscht. Fünf der ausländischen und eine somalische Geisel kamen am
Mittwoch frei, während die Bemühungen um die Freilassung von vier
weiteren ausländischen Uno-Mitarbeitern, die von Milizionären des
Faktionschefs Musa Sudi Yalahow festgehalten wurden, andauerten. Bei
dem Überfall auf den MSF-Sitz durch Musa Sudis Miliz und dem
anschliessenden Feuergefecht mit Polizeieinheiten der somalischen
Übergangsregierung waren laut der BBC vom Mittwochabend 14 Personen
umgekommen und 40 verletzt worden.
Machtkampf um Mogadiscio?
Über die Hintergründe des Angriffs kann vorerst nur spekuliert werden.
Verschiedene Quellen in Mogadiscio boten verschiedene Hypothesen an.
Es wurde von einem rein kriminellen Akt mit Lösegeldforderungen
gesprochen oder von Querelen zwischen Faktionen über die Frage, wer
die gut bezahlten Bewachungstruppen für die Hilfsorganisationen
stellen darf. Einiges deutet darauf hin, dass die Aktion - vielleicht
in Kombination mit einem der genannten Gründe - im Zusammenhang mit
dem jüngsten Machtkampf zwischen der somalischen Übergangsregierung
Präsident Salad Hassans und den traditionellen Warlords und
Faktionschefs in Mogadiscio steht.
Mitte März hatten sich die wichtigsten Gegner der Übergangsregierung
bei Verhandlungen in Äthiopien zu einem Somali Reconciliation and
Restoration Council (SRRC) zusammengeschlossen; dessen Vorsitzender
ist für eine erste Periode Hussein Aidid. Neben ihm nahmen auch Osman
Ali Ato und Musa Sudi aus Mogadiscio teil sowie Abdullahi Yusuf aus
Puntland, Hassan Nur Shatigudud von der Rahanweyn Resistance Army,
General Gabyow vom Somali Patriotic Movement und die Generäle Morgan
und Masale von der Somali National Front. Der SRRC verlangt neue
Gespräche über die Zukunft Somalias auf somalischem Boden. Die
Übergangsregierung von Präsident Salad Hassan ist dazu auch
eingeladen, aber nur als eine Faktion unter anderen. Im Communiqué der
in Äthiopien versammelten Faktionschefs wird die Übergangsregierung
als Sammelgefäss von Überresten des Regimes von Siad Barre, religiöser
Extremisten und somalischer Exilierter verurteilt. Hintergrund des
Treffens in Äthiopien und der verbalen Breitseiten gegen Salad Hassan
ist, dass die Übergangsregierung zunehmend Anstalten machte, sich in
Mogadiscio eine eigene Machtbasis zu schaffen. So begann in diesem
Monat das neue Polizeikorps, in den Strassen der früheren Hauptstadt
zu patrouillieren und Strassensperren zu entfernen, was unweigerlich
zu blutigen Auseinandersetzungen mit den Faktionen und deren Milizen
führte, die mit solchen Strassensperren einen Teil ihrer Auslagen
decken. Zudem schloss der französische Erdölkonzern Totalfina-Elf im
Februar mit Salad Hassans Regierung ein lukratives Abkommen über
Erdölexplorationen in verschiedenen Gebieten an der Küste ab.
«Von der Uno heraufbeschworen»
Vor kurzem rief die Übergangsregierung die Uno und deren
Hilfsorganisationen dazu auf, wieder eine ständige Präsenz in
Mogadiscio einzurichten, da die frühere Hauptstadt nun sicher geworden
sei. Der Angriff der Miliz Musa Sudis sollte vielleicht nur
demonstrieren, dass diese Behauptung zumindest sehr voreilig war - die
Glaubwürdigkeit der Übergangsregierung sollte diskreditiert werden.
Diese kann zurzeit nur noch den Schaden begrenzen, indem sie für ein
rasches Ende der Entführungen sorgt. Doch bereits die Tatsache des
Überfalls und der Entführungen ist ein weiterer schwerer Schlag für
sie. Dem entsprechend scharf war die Reaktion: Der Premierminister der
Übergangsregierung, Galaydh, machte am Mittwoch den Sicherheitschef
der Uno-Mission in Somalia persönlich für die Affäre verantwortlich,
da dieser ein Angebot zum Schutz ausländischer Helfer durch die
Polizei der Übergangsregierung abgelehnt habe. Galaydh kritisierte
zudem den Umstand, dass Uno-Mitarbeiter am MSF-Sitz, der im
Einflussgebiet Musa Sudis liege, ein Treffen abgehalten hätten. Damit
habe die Uno den ganzen Vorfall heraufbeschworen.
Neue Zürcher Zeitung, Ressort Ausland, 29. März 2001, Nr.74, Seite 3