VGH Hessen

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M23693
Zitieren als:
VGH Hessen, Beschluss vom 05.11.2015 - 3 A 1878/14.Z (Berufungszulassung und PKH) - asyl.net: M23693
https://www.asyl.net/rsdb/m23693/
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Leitsatz:

Wenn nachträglich die Geltungsdauer einer Aufenthaltserlaubnis zum Ehegattennachzug bei Auflösung der Ehe (hier Lebenspartnerschaft) nach § 7 Abs. 2 S. 2 AufenthG verkürzt wird (Befristungsentscheidung), ist nicht innerhalb dieser Entscheidung (inzident) über ein eigenständiges Aufenthaltsrecht der betroffenen Person zu entscheiden. Über ein eigenständige Aufenthaltsrecht, insbesondere bei besonderer Härte nach § 31 Abs. 2 AufenthG, ist jedoch zeitgleich mit der Befristung zu entscheiden (bezieht sich auf BVerwG Urteil vom 09.06.2009 - 1 C 11.08 - asyl.net: M16018).

Schlagwörter: nachträgliche Befristung, eigenständiges Aufenthaltsrecht, Aufenthaltserlaubnis aus familiären Gründen, Ehegattennachzug, Verkürzung, Geltungsdauer, Aufenthaltserlaubnis, besondere Härte,
Normen: AufenthG § 7 Abs. 2 S. 2, AufenthG § 31 Abs. 2, AufenthG § 31,
Auszüge:

[...]

Der Senat folgt, wie auch das Verwaltungsgericht, der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zur nachträglichen Verkürzung der Geltungsdauer einer Aufenthaltserlaubnis zum Ehegattennachzug. Gleichwohl hat der Senat ernstliche Zweifel an dem von dem Verwaltungsgericht gefundenen Ergebnis, da die durch das Verwaltungsgericht vorgenommen Trennung des Verfahren nach § 7 Abs. 2 AufenthG von demjenigen nach § 31 Abs. 2 AufenthG zu dem von dem Bundesverwaltungsgericht nicht gewollten Ergebnis führt, dass über beide Ansprüche nicht gleichzeitig (wenn auch nicht inzident) entschieden wird. Das Bundesverwaltungsgericht führt in seiner Entscheidung zur Verkürzung der Geltungsdauer einer zum Zweck des Ehegattennachzugs erteilten Aufenthaltserlaubnis im Wesentlichen aus:

"Das Berufungsgericht hat im Rahmen der Nachprüfung dieser Ermessensentscheidung nach § 114 VwGO erörtert, ob dem Kläger trotz Beendigung der ehelichen Lebensgemeinschaft ein Anspruch auf Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis als eigenständiges Aufenthaltsrecht nach § 31 AufenthG zusteht. Es ist dabei - ebenso wie das Verwaltungsgericht - davon ausgegangen, dass bei Bestehen eines solchen Aufenthaltsrechts die Verkürzung der Geltungsdauer der Aufenthaltserlaubnis ermessensfehlerhaft und damit rechtswidrig wäre (vgl. auch Nr. 7.2.2.1.2 der Vorläufigen Anwendungshinweise des Bundesministeriums des Innern zum Aufenthaltsgesetz und zum Freizügigkeitsgesetz/EU, Stand: 22. Dezember 2004, wonach es in diesem Fall bereits auf der Tatbestandsseite am Wegfall einer "wesentlichen" Voraussetzung fehle). An diesem Ansatz, der im Ergebnis der bisherigen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zur Anwendung der Vorgängervorschrift des § 12 Abs. 2 Satz 2 AuslG entspricht (vgl. Urteile vom 27. Juni 1995 - BVerwG 1 C 5.94 - BVerwGE 99, 28 <30>, vom 12. November 1995 - BVerwG 1 C 35.94 - BVerwGE 100, 130 <132> und Urteil vom 1. Juli 2003 - BVerwG 1 C 32.02 - Buchholz 451.901 Assoziationsrecht Nr. 38), kann nach Inkrafttreten des Aufenthaltsgesetzes am 1. Januar 2005 nicht mehr festgehalten werden. Zwar hat sich der Wortlaut der Vorschrift selbst nicht verändert, aus der neuen gesetzlichen Ausgestaltung des Aufenthaltstitels "Aufenthaltserlaubnis" folgt jedoch, dass die Verkürzung der Geltungsdauer der zu einem bestimmten Zweck erteilten Aufenthaltserlaubnis bei Bestehen eines anderweitigen Anspruchs auf eine Aufenthaltserlaubnis nicht zwangsläufig rechtswidrig ist. Denn die Aufenthaltserlaubnis wird nach § 7 Abs. 1 Satz 2 AufenthG - anders als die frühere Aufenthaltserlaubnis nach § 15 AuslG - für einen bestimmten Aufenthaltszweck erteilt. An diesen knüpft das Gesetz unterschiedliche Rechtsfolgen, etwa hinsichtlich der Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis oder der Verfestigung des Aufenthalts (sog. Trennungsprinzip vgl. Urteil des Senats vom 4. September 2007 - BVerwG 1 C 43.06 - BVerwGE 129, 226 - <Leitsatz 3 und Rn. 26>). Damit handelt es sich bei den unterschiedlichen Arten von Aufenthaltserlaubnissen um jeweils eigenständige Regelungsgegenstände. Folgerichtig ist die für die einzelne Aufenthaltserlaubnis maßgebliche Rechtsgrundlage bei der Erteilung kenntlich zu machen und im Ausländerzentralregister zu registrieren (§ 3 AZR-Gesetz i.V.m. Anlage zur AZRG-DV). Dies gilt nicht nur für die in Kapitel 2 Abschnitt 3 bis 7 des Aufenthaltsgesetzes in den Überschriften aufgeführten Aufenthaltszwecke, sondern auch für die hier streitige eigenständige Aufenthaltserlaubnis des Ehegatten nach § 31 AufenthG im Verhältnis zur akzessorischen Aufenthaltserlaubnis des Ehegatten nach § 28 Abs. 1 Nr. 1 oder § 30 AufenthG, weil auch insoweit z.B. unterschiedliche Verlängerungsbedingungen gelten.

Vor diesem gesetzlichen Hintergrund ist die Frage, ob der Kläger trotz Beendigung der ehelichen Lebensgemeinschaft einen Anspruch auf Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis nach § 31 AufenthG oder auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis aus sonstigen Gründen hat, nicht inzident im Rahmen der Entscheidung über die Verkürzung der Frist für die bisherige, akzessorische Aufenthaltserlaubnis nach § 7 Abs. 2 Satz 2 AufenthG zu prüfen, sondern ist als Gegenstand eines gleichzeitig zu bescheidenden Begehrens auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis nach § 31 AufenthG (Hervorhebung durch den Senat) oder Neuerteilung einer Aufenthaltserlaubnis aus anderen Gründen anzusehen, das hilfsweise für den Fall geltend gemacht wird, dass sich die Verkürzung der Geltungsdauer der bisherigen Aufenthaltserlaubnis als rechtmäßig erweist. Der entsprechende Antrag wird regelmäßig - wie auch im Falle des Klägers - in dem Vorbringen im Rahmen der Anhörung zu der beabsichtigten Fristverkürzung nach § 7 Abs. 2 Satz 2 AufenthG gesehen werden können. Dieses (Hilfs-)Begehren ist nicht anders zu beurteilen als ein Begehren auf Verlängerung oder Neuerteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach Ablauf der regulären (nicht verkürzten) Geltungsdauer der Aufenthaltserlaubnis (vgl. unten zu 2.).

Für die Ermessensentscheidung im Rahmen von § 7 Abs. 2 Satz 2 AufenthG bedeutet dies, dass damit nur noch das Interesse des Ausländers, bis zum Ablauf der ursprünglichen Geltungsdauer der Aufenthaltserlaubnis in Deutschland zu bleiben, und das öffentliche Interesse an der Beendigung eines materiell rechtswidrig gewordenen Aufenthalts gegeneinander abzuwägen ist. Das Interesse des Klägers an einem Verbleib in Deutschland über die reguläre ursprüngliche Geltungsdauer der Aufenthaltserlaubnis hinaus ist - wie auch in den regulären Verlängerungsfällen - im Rahmen der Prüfung eines anschließenden Aufenthaltsrechts zu berücksichtigen (vgl. BVerwG, Urteil vom 09.06.2009 - 1 C 11.08 - in juris; BVerwG, Beschluss vom 15.10.2009 - 1 B 3.09 -, juris).

Zwar hat die Beklagte in dem angefochtenen Bescheid geprüft, ob die Voraussetzungen des § 31 Abs. 2 AufenthG im Fall des Klägers vorliegen. Gleichwohl hat das Verwaltungsgericht den Kläger darauf verwiesen, einen eigenständigen Antrag nach § 31 Abs. 2 AufenthG zu stellen, was mittlerweile geschehen und Gegenstand eines weiteren verwaltungsgerichtlichen Verfahrens vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt am Main ist. In dem streitgegenständlichen Verfahren hat das Verwaltungsgericht nur über die nachträgliche Befristungsentscheidung gem. § 7 Abs. 2 AufenthG entschieden. Das Auseinanderfallen von der Befristungsentscheidung gem. § 7 Abs. 2 AufenthG und einer Entscheidung insbesondere über das Vorliegen der Voraussetzungen des § 31 Abs. 2 AufenthG (was bei positiver Entscheidung zur Folge hätte, dass der Betroffene das Bundesgebiet nicht verlassen muss) entspricht nicht den Vorgaben des Bundesverwaltungsgerichts in der oben zitierten Entscheidung. Zwar geht das Bundesverwaltungsgericht davon aus, dass dem eigenständigen Aufenthaltsrecht des Ehegatten nach § 31 AufenthG im Verhältnis zur akzessorischen Aufenthaltserlaubnis des Ehegatten nach § 28 Abs. 1 Nr. 1 oder § 30 AufenthG eigenständige Bedeutung zukommt. Um der engen Verzahnung der Lebenssachverhalte bei abgeleitetem Aufenthaltsrecht des Ehegatten einerseits und eigenständigem Aufenthaltsrecht des Ehegatten andererseits Rechnung zu tragen, geht es aber davon aus, dass gleichzeitig mit der Befristungsentscheidung nach § 7 Abs. 2 Satz 2 AufenthG über das Begehren auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis nach § 31 AufenthG zu entscheiden ist. Dabei geht das Bundesverwaltungsgericht zudem davon aus, dass der Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach § 31 Abs. 2 AufenthG in dem Vorbringen im Rahmen der Anhörung zu der beabsichtigten Fristverkürzung nach § 7 Abs. 2 Satz 2 AufenthG zu sehen ist. Dies hat auch für den Kläger zu gelten, der im Rahmen seiner Anhörung zu der beabsichtigten Befristungsentscheidung mit Schriftsatz seines Bevollmächtigten vom 7. Februar 2014 auf das Vorliegen eines Härtefalles gemäß § 31 Abs. 2 AufenthG hingewiesen und dies durch Vorlage einer umfangreichen eidesstattlichen Versicherung glaubhaft gemacht hat. Werden - wie hier geschehen - die Verfahren auf Verkürzung der Aufenthaltserlaubnis gemäß § 7 Abs. 2 AufenthG sowie das Verfahren auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach § 31 Abs. 2 getrennt, ist bei der gemäß § 7 Abs. 2 Satz 2 AufenthG anzustellenden Ermessensentscheidung und dem dabei einzustellenden Interesse des Ausländers, bis zum Ablauf der ursprünglichen Geltungsdauer der Aufenthaltserlaubnis im Bundesgebiet verbleiben zu können, mit zu erwägen, ob die materiellen Voraussetzungen eines eigenständigen Aufenthaltsrechtes nach § 31 Abs. 2 AufenthG vorliegen und ob sein Interesse im Bundesgebiet verbleiben zu können nicht zumindest bis zur Entscheidung über seinen Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach § 31 Abs. 2 AufenthG überwiegt. Dies hat das Verwaltungsgericht nicht hinreichend eingestellt, angebotene Zeugen nicht vernommen, die von dem Kläger eingereichte eidesstattliche Versicherung nicht gewürdigt, so dass ernstliche Zweifel an der erstinstanzlichen Entscheidung angebracht sind. [...]