VG Lüneburg

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Zitieren als:
VG Lüneburg, Urteil vom 13.03.2012 - 3 A 186/10 - asyl.net: M19550
https://www.asyl.net/rsdb/M19550
Leitsatz:

Einem Afghanen, den die Taliban zu rekrutieren versuchen, nachdem Ehefrau und Kind bei einem Luftangriff durch US-Streitkräfte ums Leben gekommen sind, ist Flüchtlingsschutz zu gewähren.

Schlagwörter: Afghanistan, Taliban, Selbstmordattentäter, Zwangsrekrutierung
Normen: AufenthG § 60 Abs. 1
Auszüge:

[...]

Ausgehend von diesen Maßstäben kann der Kläger die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft hinsichtlich Afghanistans beanspruchen. Der Kläger hat zur Überzeugung des Gerichts glaubhaft gemacht, dass er vor seiner Ausreise aus Afghanistan Bedrohungen durch die Taliban und ihre Anhänger ausgesetzt gewesen ist. Der Kläger hat dargetan und durch entsprechende Fotos in verschiedenen Internetartikeln belegt, auf denen er klar zu erkennen ist, dass er Landsleuten, die bei einem Bombardement einer Hochzeitsgesellschaft durch die Amerikaner im Juli 2008 verletzt worden sind, geholfen hat. Er hat im Einzelnen berichtet, wie er auf das Bombardement und die Einlieferung der Verletzten, dabei Verwandte von ihm, ins Krankenhaus aufmerksam geworden ist und wie sich seine Hilfe dargestellt hat. Auf Nachfrage der Einzelrichterin hat er die auf den Fotos abgebildeten Personen identifiziert, so etwa seinen Cousin, den Bräutigam, sowie seinen Bruder, der das Bombardement verletzt überlebt hat. Er hat ebenso überzeugend dargetan, dass zwei seiner Schwestern, seine Ehefrau und seine Tochter bei dem Bombardement um Leben gekommen sind. Insgesamt bestehen nach den Recherchen im Internet, den dort veröffentlichen Artikeln samt Fotos sowie dem Eindruck, den der Kläger in der mündlichen Verhandlung auf die Einzelrichterin gemacht hat, keine Zweifel an den Ereignissen selbst als auch dem menschlichen Verlust, den der Kläger erlitten hat. Vor diesem Hintergrund kann - so bereits das Bundesamt in dem angefochtenen Bescheid - angenommen werden, dass Anhänger der Taliban versucht haben, den Kläger zu einer Zusammenarbeit mit ihnen zu bewegen. Dieser Einschätzung folgt das Gericht, § 77 Abs. 2 AsylVfG. Der Kläger hat in der mündlichen Verhandlung überzeugend geschildert, in welcher Form die Taliban und ihre Anhänger an ihn herangetreten sind, welche Forderungen sie an ihn gestellt haben und wie sie ihn im Verlaufe der Zeit zunehmend unter Druck gesetzt haben, so dass er sich zuletzt gezwungen gesehen hat, das Land zu verlassen, um sich den Forderungen der Taliban endgültig zu entziehen. Seine Darstellung, dass und wie er die Taliban und ihre Anhänger in der Zeit zwischen dem Bombardement und seiner Ausreise einige Monate später mit Versprechungen und unter Verweis auf seine psychische Verfassung nach dem Verlust von vier engen Familienangehörigen hingehalten hat, war plausibel und nachvollziehbar, ebenso, dass die Taliban in ihn gerade wegen des erlittenen Verlusts große Hoffnungen gesetzt hatten. Seine Weigerung, mit den Taliban zusammenzuarbeiten, insbesondere als Selbstmordattentäter zu agieren, ist nach seinem überzeugenden Vorbringen erst mit seiner Ausreise aus Afghanistan offen zu Tage getreten. Dies mag einerseits erklären, warum der Kläger bis zu seiner Ausreise aus Afghanistan zwar Forderungen und Drohungen durch die Taliban und ihre Anhänger ausgesetzt, im Übrigen aber unbehelligt geblieben ist, d.h. er nicht Opfer konkreter Übergriffe seitens der Taliban geworden ist. Auf der anderen Seite lässt seine mit seiner Flucht offen zu Tage getretene Weigerung keinen Zweifel daran, dass für den Kläger nun die Gefahr einer konkret drohenden Verfolgung durch die - landesweit aktiven - Taliban besteht. Ihm ist daher unter entsprechender Aufhebung des entgegenstehenden Bescheides des Bundesamtes vom 10. September 2010 die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen. Einer Entscheidung über die Hilfsanträge bedurfte es vor diesem Hintergrund nicht mehr. Der Klage war im vollen Umfang stattzugeben. [...]