VG Gießen

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Zitieren als:
VG Gießen, Urteil vom 29.04.2014 - 2 K 1310/13.GI.A - asyl.net: M21874
https://www.asyl.net/rsdb/M21874
Leitsatz:

Wird eine Person in Afghanistan mit dem Tode bedroht, weil sie für die Hinrichtung des Entführers eines nahen Angehörigen verantwortlich gemacht wird, steht ihr ein Abschiebungsverbot gem. § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG zu.

Schlagwörter: Afghanistan, Entführung, Bedrohung, Todesdrohungen, erhebliche individuelle Gefahr, kriminelles Unrecht, Schutzfähigkeit, Herat,
Normen: AufenthG § 60 Abs. 7 S. 1,
Auszüge:

[...]

Im Fall des Klägers liegen aber die Voraussetzungen eines Abschiebungsverbotes nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG vor. Die Vorschrift besagt, dass von der Abschiebung eines Ausländers in einen anderen Staat abgesehen werden soll, wenn dort für diesen Ausländer eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit besteht. Diese Gefahr sieht das Gericht für den Kläger als Teil der Gesamtfamilie, weil sie nach dem glaubhaften Vorbringen von der Familie der verurteilten und zum Teil hingerichteten Entführer des Sohnes ... insbesondere für die Hinrichtung verantwortlich gemacht und deshalb mit dem Tod bedroht werden. Zwar zeigt der als wahr unterstellte Vortrag des Klägervertreters, dass die Polizei in Herat sehr wohl schutzwillig ist und offenbar auch in der Lage ist, die Familie effektiv zu beschützen, solange sie das Haus nicht verlässt. Dies ist aus Sicht des Gerichts jedoch kein Dauerzustand. Irgendwann hätte die Familie das Haus wieder verlassen müssen, allein schon, damit das Familieneinkommen sichergestellt wird. Gleiches gilt auch für den Fall der Rückkehr der Familie nach Herat. Angesichts der weit verbreiteten Gewaltbereitschaft und der Verbreitung von Schusswaffen in Afghanistan geht das Gericht davon aus, dass in diesem Fall das Leben des Klägers und der übrigen Familienangehörigen einer erheblichen konkreten Gefahr i.S.d. § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG ausgesetzt sein wird. [...]