VG Frankfurt a.M.

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Zitieren als:
VG Frankfurt a.M., Urteil vom 14.11.2014 - 4 K 2051/13.F.A - asyl.net: M23019
https://www.asyl.net/rsdb/M23019
Leitsatz:

Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund von Verfolgungsgefahr wegen Zugehörigkeit zum Christentum in Pakistan.

Schlagwörter: Pakistan, Christen, Blasphemie, religiöse Minderheit, religiöse Verfolgung, nichtstaatliche Verfolgung, Schutzbereitschaft,
Normen: AsylVfG § 3, AufenthG § 60 Abs. 1,
Auszüge:

[...]

Die zulässige Klage ist begründet, weil dem Kläger der geltend gemachte Anspruch auf Flüchtlingsanerkennung (§ 60 Abs. 1 AufenthG) zusteht (§ 113 Abs. 1 S. 1 Abs. 5 S. 1 VwGO).

Das Gericht ist nach Anhörung des Klägers in der mündlichen Verhandlung zur sicheren Überzeugungsgewissheit gelangt, dass der Vortrag des Klägers zu den Vorkommnissen in Pakistan glaubhaft ist.

Der Kläger hat in der mündlichen Verhandlung - im Wesentlichen übereinstimmend mit seinem Vortrag vor dem Bundesamt - ausgeführt, dass er Zeitungspapier mit Suren des Korans im Müll entsorgt habe und deshalb von aufgebrachten Muslimen mit dem Tode bedroht und geschlagen wurde. Zudem wurden seine Frau und seine Tochter entführt und missbraucht. Ein Versuch, den Vorgang bei der Polizei anzuzeigen, endete damit, dass der Kläger selbst geschlagen, bedroht und inhaftiert wurde.

Diesen Sachverhalt hat der Kläger schlüssig dargetan, zumal unter Berücksichtigung des Umstandes, dass der Kläger nur über geringe Bildung verfügt und praktisch Analphabet ist. Nach der allgemeinen Lage in Pakistan, wie sie auch der Klägerbevollmächtigte in seinen Schriftsätzen vorträgt und sie sich aus dem Lagebericht des Auswärtigen Amtes vom 08.04.2014 ergibt, sind derartige Vorfälle, massive Übergriffe auf Christen, vorstellbar und glaubhaft.

Das Gericht hält den Kläger deshalb für vorverfolgt. Dahinstehen mag in diesem Zusammenhang, ob allgemein Christen in Pakistan - wie andere religiöse Minderheiten - hinreichend Schutz durch den Staat erlangen können. Jedenfalls im vorliegenden Einzelfall des Klägers war dies nicht so. Vielmehr endete der Versuch des Klägers, sich Hilfe durch die Polizei zu holen, mit seiner eigenen Verfolgung durch die Polizei, er wurde bedroht und eingesperrt. Der Kläger hat in der Verhandlung auch nachvollziehbar vorgetragen, dass er nicht in andere Landesteile ausweichen konnte, zumal sich die Problematik von Übergriffen auf Christen in ganz Pakistan stellt.

Für den demnach vorverfolgten Kläger kann das Gericht nicht hinreichend sicher ausschließen, dass er bei einer Rückkehr nach Pakistan erneut Verfolgung erleidet. Die Übergriffe auf Christen und andere religiöse Minderheiten in Pakistan sind zwar weit von der Schwelle einer Gruppenverfolgung entfernt. Vor dem Hintergrund dieser Vorfälle ist jedoch der Ausschluss einer erneuten Verfolgung jedenfalls des Klägers nicht möglich. [...]