VG Kassel

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Zitieren als:
VG Kassel, Urteil vom 29.07.2020 - 1 K 2919/18.KS.A - asyl.net: M28986
https://www.asyl.net/rsdb/M28986
Leitsatz:

Keine Verfolgungsgefahr für geschiedene yezidische Frauen in der Russischen Föderation:

1. Es gibt keine Erkenntnisse, wonach geschiedenen yezidischen Frauen in Russland die Ermordung durch Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft droht.

2. Jedenfalls wäre interner Schutz in anderen Teilen der Russischen Föderation vor einer solchen Bedrohung verfügbar.

(Leitsätze der Redaktion)

Schlagwörter: Russische Föderation, Yeziden, geschlechtsspezifische Verfolgung, Frauen, Scheidung, Ehescheidung, nichtstaatliche Verfolgung, Schutzbereitschaft, Schutzfähigkeit, interner Schutz,
Normen: AsylG § 3,
Auszüge:

[...]

Jesidische Ehen werden zwar grundsätzlich auf Lebenszeit geschlossen; Scheidungen sind verpönt. Bei Vorliegen schwerer Gründe (Untreue, häusliche Gewalt oder Vernachlässigung der ehelichen Pflichten) ist eine Scheidung aber möglich (Art. "Jesidische Heiratsvorschriften", de.wikipedia.org/wiki/Jesidische_Heiratsvorschriften [04.08.2020]; Tagay/Ortaç, Die Eziden und das Ezidentum. Geschichte und Gegenwart einer vom Untergang bedrohten Religion, 2016, S. 82). Berichte über Tötungen von geschiedenen oder scheidungswilligen Frauen sind nicht ersichtlich. Allenfalls im Kontext von Zwangsverheiratungen kann es zu Morden kommen (vgl. Adrian Schuster, Armenien: Zwangsheirat jesidischer Witwen, Verbrechen im Namen der Ehre und Sorgerecht. Auskunft der SFH-Länderanalyse, Stand: 6.05.2014, S. 6). Es ist allerdings bereits fraglich, ob diese Erkenntnisse, die sich auf den armenischen Raum beschränken, auf andere jesidische Gemeinschaften übertragbar sind. Jedenfalls handelt es sich um andere Fallgestaltungen, die mit der Situation der Klägerin zu 1. nicht vergleichbar sind.

Eine Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft scheitert aber unabhängig davon und selbstständig tragend auch daran, dass die Kläger in einer anderen Region Russlands Zuflucht suchen können, dort aufgenommen werden und von ihnen erwartet werden kann, sich dort niederzulassen, § 3e AsylG. Eine russlandweite Vernetzung der jesidischen Glaubensgemeinschaften in der Form, dass die Klägerin an jedem Ort damit rechnen müsste, auf eine entsprechende Gemeinschaft zu stoßen, existiert nicht. In der Russischen Föderation leben ca. 30.000 bis 40.000 Jesiden (ACCORD, Anfragebeantwortung zur Russischen Föderation: Gebiet Rostow: Gibt es Dörfer, in denen hauptsächlich Jesiden (unter sich) leben?, Stand: 30.07.2019). Dies ist, insbesondere verglichen mit der Bevölkerungszahl der Russischen Föderation (ca. 144 Millionen), sogar weniger, als die jesidische Gemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland (ca. 100.000 Jesiden bei ca. 82 Millionen Einwohnern). Für Moskau wird im zitierten Bericht von ACCORD eine Zahl von 1.600 Jesiden genannt – bei einer Einwohnerzahl von über 10 Millionen. Dass die Kläger außerhalb ihrer Heimatregion keinen Ort fänden, an dem sie nicht auf Jesiden treffen würden, ist nicht beachtlich wahrscheinlich. [...]