OVG Nordrhein-Westfalen

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Zitieren als:
OVG Nordrhein-Westfalen, Beschluss vom 27.07.2006 - 18 B 586/06 - asyl.net: M8649
https://www.asyl.net/rsdb/M8649
Leitsatz:
Schlagwörter: Abschiebung, inlandsbezogene Vollstreckungshindernisse, Krankheit, psychische Erkrankung, Suizidgefahr, ärztliche Begleitung, Reisefähigkeit, Ausländerbehörde, medizinische Versorgung, zielstaatsbezogene Abschiebungshindernisse, Zuständigkeit, Bundesamt, vorläufiger Rechtsschutz (Eilverfahren)
Normen: AufenthG § 60a Abs. 2; AufenthG § 60 Abs. 7
Auszüge:

Die Beschwerde ist nicht begründet. Aus der von den Antragstellerin dargelegten, gemäß § 146 Abs. 4 Satz 6 VwGO vom Senat nur zu prüfenden Gründen ergibt sich nicht, dass die Ablehnung des Antrags auf Gewährung vorläufigen Rechtsschutzes zu Unrecht erfolgt ist.

Die Beschwerde wird unter Berufung auf den Senatsbeschluss vom 2. Juli 2004 - 18 B 830/04 - im Wesentlichen darauf gestützt, das wegen der psychischen Erkrankungen der Antragstellerin nicht von deren Reisefähigkeit ausgegangen werden könne, weil der Antragsgegner keinerlei Vorkehrungen für eine diesbezügliche Behandlung der Antragstellerin nach ihrer Ankunft im Heimatland getroffen habe. Eine Fortsetzung der Behandlung sei aber nach den Feststellungen des Gesundheitsamtes des Antragsgegners, zuletzt unter dem 16. März 2006, erforderlich und werde auch vom Verwaltungsgerichts seiner Entscheidung zugrunde gelegt.

Insoweit ist zwar festzustellen, dass der Antragsgegner nach Aktenklage tatsächlich eine Fortsetzung der Behandlung im Heimatland nicht sicher gestellt hat. Darauf kommt es allerdings im Rahmen der hier nur in Rede stehenden und sich nach § 60a Abs. 2 AufenthG zu beurteilenden Reisefähigkeit nicht an. Insofern missversteht die Antragstellerin den von ihr zitierten vorgenannten Senatsbeschluss. Nach diesem liegt ein inlandsbezogenes Ausreisehindernis in Form der Reiseunfähigkeit vor, wenn sich der Gesundheitszustand des Ausländers unmittelbar durch die Ausreise bzw. Abschiebung oder als unmittelbare Folge davon voraussichtlich wesentlich verschlechtern wird (vgl. nur Senatsbeschluss vom 24. Februar 2006 - 18 A 916/05 -).

Dabei bestimmen sich die Anforderungen an die staatliche Schutzpflicht nach den Besonderheiten des Einzelfalls. Der Ausländerbehörde obliegt es, ggf. durch eine entsprechende Gestaltung der Abschiebung, die notwendigen Vorkehrungen - etwa durch ärztliche Hilfen bis hin zur Flugbegleitung - zu treffen, damit eine Abschiebung verantwortet werden kann (vgl. dazu BVerfG, Beschluss vom 16. April 2002 - 2 BvR 553/02 -, InfAuslR 2002, 415).

Dazu gehört nach der Senatsrechtsprechung beispielsweise auch, dass bei Bedarf die Schutzpflicht nicht bereits mit der Ankunft des Ausländers im Zielstaat endet, sondern zeitlich bis zum Übergang in eine Versorgung und Betreuung im Zielstaat fortdauert (vgl. Senatsbeschlüsse vom 2. Juli 2004 - 18 B 830/04 -, vom 28. März 2003 - 18 B 35/03 - und vom 3. Juli 2006 - 18 E 702/06 -).

Das kann der Fall sein, wenn dem Ausländer unmittelbar nach seiner Ankunft im Zielstaat eine Gesundheitsgefährdung im vorgenannten Sinne droht, etwa weil er einer Betreuung (zu deren Bedeutung im Rahmen des § 53 Abs. 6 Satz 1 AuslG vgl. Senatsbeschluss vom 25. Mai 2004 - 18 B 1242/03 -) bzw. einer zwingenden medizinischen Behandlung (z.B. Dialyse) bedarf (vgl. hierzu Senatsbeschluss vom 28. März 2003 - 18 B 35/03 -) oder er einen ununterbrochenen Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten haben muss. In derartigen Situationen ist sicher zu stellen, dass erforderliche Hilfen - wie hier durch die vom Antragsgegner beabsichtigte Mitgabe von Medikamenten für drei Monate - rechtzeitig nach der Ankunft im Heimatland zur Verfügung stehen, wobei der Ausländer wie bei der allgemeinen medizinischen Versorgung (vgl. nur Senatsbeschluss vom 6. September 2004 - 18 B 2661/03 -, InfAuslR 2004, 438 = NVwZ-RR 2005, 359 = AuAS 2005, 31 = EZAR 043 Nr. 66) auch in diesem Zusammenhang regelmäßig auf den allgemein üblichen Standard der Möglichkeiten in seinem Heimatland zu verweisen ist.

Davon zu unterscheiden ist die hier mit der Beschwerde sinngemäß geltend gemachte dauerhafte Versorgung im Zielstaat. Die damit angesprochene Weiterführung einer ärztlichen/psychologischen Versorgung ist grundsätzlich keine Voraussetzung der Reisefähigkeit als inlandsbezogenes Ausreisehindernis. Vielmehr handelt es sich dann, wenn es an einer ausreichenden Behandelbarkeit einer Erkrankung im Heimatland fehlen sollte, um ein zielstaatsbezogenes Abschiebungshindernis (vgl. hierzu nur Senatsbeschluss vom 13. Dezember 2005 - 18 B 2005/05), das sich nach der insofern mit Ausländergesetz 1990 deckenden Gesetzessystematik des Aufenthaltsgesetzes (vgl. zum AuslG 1990 Senatsbeschluss vom 27. November 2003 - 18 B 662/03 -) nach dessen § 60 Abs. 7 beurteilt. Zudem hat hierüber wegen der strikten Aufteilung der Zuständigkeiten zwischen dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bundesamt) und der Ausländerbehörde gemäß §§ 24 Abs. 2, 42 AsylVfG das Bundesamt mit Bindungswirkung für die Ausländerbehörde zu befinden (vgl. nur Senatsbeschluss vom 8. März 2006 - 18 B 266/06 -), wenn - wie hier, zuletzt bezüglich eines Folgeschutzgesuchs nach § 53 AuslG durch Bescheid vom 22. Juni 2004 - zuvor ein Asylverfahren betrieben worden ist.

Von dem Vorstehenden ausgehend wäre das Beschwerdevorbringen nur entscheidungserheblich, wenn es auf eine Reiseunfähigkeit führte. Als Beurteilungsgrundlage kann insoweit - womit auch Wertungswidersprüche vermieden werden - auf den in § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG normierten Maßstab zurückgegriffen werden: Eine durch die Ausreise eintretende Gesundheitsverschlechterung ist danach jedenfalls dann nicht mehr zumutbar, wenn dadurch erhebliche konkrete Gefahren für Leib und Leben des Betreffenden einzutreten drohen. Soweit sich unterhalb dieser Schwelle durch die Ausreise bzw. Abschiebung eine Gesundheitsverschlechterung einstellen sollte, hat sie der Ausländer grundsätzlich hinzunehmen.

Von einer Reiseunfähigkeit im genannten Sinn kann bei einer - hier vornehmlich in Betracht kommenden - psychischen Erkrankungen nach der Senatsrechtsprechung im Wesentlichen dann ausgegangen werden, wenn im Rahmen einer Abschiebung die ernsthafte Gefahr einer Selbsttötung droht, der darüber hinaus auch nicht durch ärztliche Hilfen (vgl. erneut Senatsbeschluss vom 24. Februar 2006 - 18 A 916/05 -) oder in sonstiger Weise, etwa durch vorbeugende Maßnahmen nach dem Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG) - wie z.B. der vorübergehenden Unterbringung in einer geeigneten geschlossenen Einrichtung - begegnet werden kann (vgl. Senatsbeschluss vom 17. Februar 2006 - 18 B 52/06 -).