Systemische Mängel im griechischen Asylsystem für weibliche Schutzberechtigte:
1. Aktuelle Berichte belegen, dass zivilgesellschaftliche Organisationen in Griechenland Geflüchtete nur eingeschränkt unterstützen können, weil sie unter einer finanziellen Krise sowie unter staatlichen Repressionen leiden (Rn. 43).
2. Das staatliche Integrationsprogramm HELIOS+ bietet Schutzberechtigten weder Unterkunft noch Mietzuschüsse (Rn. 45).
3. Frauen sind im Rahmen von Flucht und Migration geschlechtsspezifischen Herausforderungen und Hindernissen ausgesetzt, die die Vulnerabilität dieser Gruppe gegenüber der Gruppe männlicher Geflüchteter erhöhen. Dazu zählen ein verzögerter Erwerb der Sprache des Aufnahmelandes, eine geringere Verwertbarkeit ihrer Kompetenzen und Bildungsabschlüsse, weniger soziale Kontakte zu Einheimischen, häufigere gesundheitliche Probleme und größere Gefahren sexueller und anderer gewalttätiger Übergriffe in Notunterkünften und informellen Siedlungen (Rn. 47).
4. Frauen haben aufgrund ihrer Menstruation erhöhte hygienische Bedürfnisse, die zu ihrer Vulnerabilität in prekären Lebensverhältnissen und insbesondere in der Wohnungslosigkeit beitragen (Rn. 55).
5. Der Zugang zum griechischen Arbeitsmarkt ist für weibliche Schutzberechtigte noch schwerer zu erlangen als für männliche Schutzberechtigte (Rn. 58).
6. Schutzberechtigte, die nach Ablauf ihrer Aufenthaltsgenehmigung nach Griechenland zurückgeführt werden, erhalten während des Zeitraums, in dem sie auf deren Verlängerung warten, keine regulären medizinischen Leistungen, kein Bankkonto, keinen Arbeitsmarktzugang und keine Sozialleistungen (Rn. 68).
(Amtliche Leitsätze)
[...]
46 b. Die systemischen Schwachstellen des griechischen Asylsystems begründen für geflüchtete Frauen in besonderem Maße eine Gefahr von unmenschlicher und erniedrigender Behandlung.
47 aa. Frauen sind im Rahmen von Flucht und Migration geschlechtsspezifischen Herausforderungen und Hindernissen ausgesetzt, die die Vulnerabilität dieser Gruppe gegenüber der Gruppe männlicher Geflüchteter erhöhen.
48 Dass Frauen typischerweise physisch schwächer sind als Männer und deswegen körperlich fordernde Erwerbstätigkeiten ggf. nicht annehmen können (mit dieser Begründung systemische Schwachstellen im griechischen Asylsystem für Frauen annehmend: VG Hannover, Beschluss vom 12.08.2025 - 2 B 7571/25 -, juris Rn. 24; VG Gelsenkirchen, Beschluss vom 27.08.2025 - 18a L 1375/25.A -, juris Rn. 31; VG Gießen, Beschluss vom 22.10.2025 - 1 L 5962/25.GI.A -, juris Rn. 13; diese Begründung und damit systemische Schwachstellen im griechischen Asylsystem ablehnend: VG Cottbus, Beschluss vom 20.11.2025 - 5 L 599/25.A -, juris Rn. 23; VG Würzburg, Beschluss vom 05.11.2025 - W 1 S 25.35149 -, juris Rn. 54; VG Regensburg, Beschluss vom 07.10.2025 - RO 13 S 25.33980 -, juris Rn. 41), ist dabei nur ein einzelner Aspekt neben vielen anderen Sachgründen.
49 Lange wurden Migrationsprozesse von Frauen in der Forschung ignoriert und Männer standen allein im Fokus der Migrationsforschung. Geschlechtsspezifische Fragestellungen wurden dementsprechend vernachlässigt. Frauen wurden lediglich als Begleitung der migrierenden Männer angesehen und wurden so in eine untergeordnete Rolle gezwängt. Dass Migrantinnen heute mehr in den Fokus verschiedener Institutionen rücken, hängt zum einen mit der feministischen Migrationsforschung zusammen, die sich der Unsichtbarkeit von Frauen im Migrationsprozess seit Mitte der 1980er Jahre entgegenstellt, zum anderen machen Migrantinnen selbst auf sich und ihre Bedürfnisse aufmerksam und fordern mehr Bewusstsein hinsichtlich ihrer spezifischen Problematiken in der Migrationssituation (Pötgen, Germaine (2022): Herausforderungen und Hindernisse für Frauen* im Zuge der Migration, S. 15, in: Österreichischer Integrationsfonds: Forschungspreis Integration, Wien, abrufbar unter: https://www.integrationsfonds.at/fileadmin/user_upload/Integrationshefte_2022_1.pdf).
50 Eine zentrale geschlechtsspezifische Herausforderung besteht darin, dass geflüchtete Frauen bei ihrer Ankunft tendenziell über schlechtere Kenntnisse der Sprache des Aufnahmelandes verfügen als männliche Geflüchtete und auch in der Folgezeit benachteiligt bleiben. In einer australischen Langzeitstudie aus dem Jahr 2017 gaben 43 % der geflüchteten Frauen bei ihrer Ankunft an, dass sie kein Englisch verstehen, verglichen mit 31 % der geflüchteten Männer. Im Laufe der Zeit verbesserte sich die Fähigkeit, Englisch zu verstehen, sowohl bei den weiblichen als auch bei den männlichen Geflüchteten deutlich. Drei Jahre nach ihrer Ankunft verstanden allerdings 16 % der weiblichen Geflüchteten immer noch kein gesprochenes Englisch, während der entsprechende Wert für Männer bei 7 % lag. Querschnittsdaten aus Österreich, Deutschland und Norwegen zeigen ein ähnliches Muster der Sprachkenntnisse geflüchteter Frauen im Vergleich zu geflüchteten Männern. Bei Frauen dauert der Erwerb der notwendigen Sprachkenntnisse oft länger als bei Männern (Liebig, Thomas/ Tronstad, K. Rose: Triple Disadvantage? A First Overview of the Integration of Refugee Women, in: OECD Social, Employment and Migration Working Papers, 30.08.2018, S. 26 f., abrufbar unter: www.oecd.org/content/dam/oecd/en/-publications/reports/2018/08/triple-disadvantage_65c3f454/3f3a9612-en.pdf). Geflüchtete Männer besuchen häufiger einen Sprach- oder Integrationskurs als Frauen und schließen diesen durchschnittlich früher ab, während Frauen vermehrt die Sorgearbeit übernehmen (Kosyakova u.a., Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Arbeitsmarktintegration in Deutschland – Geflüchtete Frauen müssen viele Hindernisse überwinden, 2021, S. 4, abrufbar unter: doku.iab.de/kurzber/2021/kb2021-08.pdf). Gute Sprachkenntnisse im Aufnahmeland sind indes ein entscheidender Faktor für die Integration in den Arbeitsmarkt, und dies gilt insbesondere für Flüchtlingsfrauen. Flüchtlingsfrauen mit mittleren oder fortgeschrittenen Kenntnissen der Sprache des Aufnahmelandes haben eine um ganze 40 Prozentpunkte höhere Beschäftigungsquote als diejenigen mit geringen oder keinen Sprachkenntnissen (Liebig/Tronstad,a.a.O., S. 26 f.).
51 Darüber hinaus bringen geflüchtete Frauen häufig eine Form von Humankapital mit, das sie für den Arbeitsmarkt des Aufnahmelandes weniger attraktiv macht als männliche Geflüchtete. Es zeigt sich, dass Frauen im Herkunftsland eher in Berufen erwerbstätig waren, die länderspezifisches Wissen und Fähigkeiten erfordern und deren Zugang etwa in Deutschland stark reglementiert ist (vor allem im Sektor der wissensintensiven Dienstleistungen, etwa in der Lehre oder Erziehung). Die Verwertung dieser Fähigkeiten ist im Zielland schwieriger als etwa in Berufen im Industriesektor, in denen besonders viele geflüchtete Männer berufstätig waren. In diesen Berufen ist es möglich, einen niederschwelligen Einstieg auch mit unzureichenden Sprachkenntnissen zu finden und langsam Wissen aufzubauen oder sich ausländische Zertifikate anerkennen zu lassen. Damit sind in den frauenspezifischen Berufen für den Erwerbseinstieg höhere Investitionen notwendig (Kosyakova u.a., a.a.O., S. 4). Erschwerend hinzu kommt, dass das soziale Netzwerk weiblicher Geflüchteter meist weniger ausgeprägt ist als das Netzwerk männlicher Geflüchteter. Geflüchtete Frauen halten sich verstärkt im familiären Kontext auf und verbringen weniger Zeit als Männer mit Deutschen oder Menschen, die bereits länger in Deutschland leben (Kosyakova u.a., a.a.O., S. 4). Unter den Teilnehmenden der Flüchtlingsstudie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Jahr 2014 gaben 27 % der männlichen Geflüchteten an, dass sie täglich Deutsche in ihrem Freundeskreis treffen, während dies nur auf 12 % der weiblichen Geflüchteten zutrifft. Geflüchtete Frauen haben zudem nicht nur weniger relevante Kontakte zu Einheimischen, sondern auch zu anderen Migranten. Dies benachteiligt Frauen nicht nur bei der sozialen Integration, sondern auch beim Einstieg in den Arbeitsmarkt, weil ein Großteil der Arbeitsplätze in Industrieländern über Netzwerke oder informelle Kontakte besetzt wird(Liebig/ Tronstad, a.a.O., S. 29).
52 Geflüchtete Personen sind zudem bereits allgemein anfälliger für Gesundheitsprobleme als die allgemeine Bevölkerung und andere Einwanderergruppen, und ein beträchtlicher Anteil leidet unter den traumatischen und oft gewalttätigen Erfahrungen im Zusammenhang mit ihrer erzwungenen Migration. Die verfügbaren Daten zeigen durchweg, dass geflüchtete Frauen mehr gesundheitliche Probleme haben als geflüchtete Männer. In Studien aus Österreich, Norwegen und Australien stufte etwa jede vierte bis fünfte Flüchtlingsfrau ihre Gesundheit als schlecht oder sehr schlecht ein oder beschrieb ernsthafte psychische Probleme, während nur etwa jeder sechste bis siebte Flüchtlingsmann ähnliche Probleme angab(Liebig/Tronstad, a.a.O., S. 30). Dazu kann das erhöhte Risiko von Frauen beitragen, vor oder während der Flucht geschlechtsspezifischer und sexueller Gewalt ausgesetzt zu sein. Schließlich sind insbesondere Frauen durch ausgeprägte Stressfaktoren, beispielsweise durch eine geringere soziale Teilhabe, nach der Ankunft zusätzlich belastet (Kosyakova u.a., a.a.O., S. 4). Geflüchtete gleich welchen Geschlechts, die Symptome von Angstzuständen und Depressionen angeben, haben im Vergleich zu Geflüchteten und anderen Migranten ohne solche Symptome eine deutlich niedrigere Beschäftigungsquote (Liebig/Tronstad, a.a.O., S. 30).
53 Migrantinnen in prekären sozioökonomischen Situationen, unter anderem aufgrund geringer Einkommen, haben möglicherweise auch weniger Zugang zu Wohnraum als männliche Migranten oder geringere Chancen, angemessenen und sicheren Wohnraum zu finden. Wie aus Untersuchungen in Frankreich hervorgeht, kann der Verlust des Einkommens Migrantinnen weiter in die Obdachlosigkeit treiben, wobei die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sie Opfer von Prostitutionsringen werden oder selbst auf Sexarbeit zurückgreifen, um ihre finanzielle Unabhängigkeit wiederzuerlangen (International Organization for Migration (IOM), World Migration Report 2024, S. 184, abrufbar unter: https://publications.iom.int/system/files/pdf/pub2023-047-l-world-migration-report-2024_11.pdf). Auch in Deutschland erfahren weibliche wohnungslose Personen häufiger Gewalt als männliche Personen, so die Daten des Wohnungslosenberichts des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales von 2022. Besonders viel Gewalt seit Eintritt der Wohnungslosigkeit erfahren Frauen ohne Unterkunft (79 %). 36 % (M: 3%) der befragten wohnungslosen Frauen hat sexuelle Belästigung, Übergriffe oder Vergewaltigung erlebt, 13 % wurden zur Prostitution genötigt (jeweils gegenüber 3 % der männlichen Wohnungslosen) [...].
54 Für weibliche Geflüchtete verschärft auch ein Leben in informellen Siedlungen die geschlechtsspezifische Gefährdung und erhöht das Risiko von Gewalt in Paarbeziehungen. Unsicherheit und beengte Verhältnisse führen ebenfalls zu einem erhöhten Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt, insbesondere Vergewaltigung, wenn Frauen und Mädchen sich in und um Siedlungen bewegen, um beispielsweise Holz zum Kochen zu sammeln und Wasser an Wasserstellen zu holen (IOM, World Migration Report 2024, S. 185). Auch in Obdachlosenunterkünften, welche häufig männlich dominiert sind, sind wohnungslose Frauen von sexuellem Missbrauch und Gewalt betroffen. In Reaktion darauf suchen wohnungslose Frauen häufig vorübergehend Unterschlupf in prekären Mitwohnverhältnissen bei Freunden und Bekannten. Diese "verdeckte" Wohnungslosigkeit geht häufig mit Abhängigkeitsverhältnissen, u.a. sexueller Gewalt und anderen Konflikte, einher [...].
55 Auch die erhöhten hygienischen Bedürfnisse, die Frauen aufgrund ihrer Menstruation haben, tragen zu ihrer Vulnerabilität in prekären Lebensverhältnissen und insbesondere in der Wohnungslosigkeit bei. Der unregelmäßige Zugang zu Hygieneartikeln, Toiletten, privaten und hygienischen Badezimmern und Wäscheservices sowie das weit verbreitete Stigma der Menstruation und gynäkologische Probleme verstärken die Schwierigkeiten von Frauen bei der Menstruationshygiene. Trotz Berichten über ungedeckte Bedürfnisse und erhöhten Stress und Stigmatisierung sind menstruierende Obdachlose gezwungen, ihre Menstruationsprodukte zu rationieren, Alternativen zu verwenden (z. B. Toilettenpapier, Socken) und einen Teil ihrer begrenzten finanziellen Ressourcen in den Erwerb von Hygieneprodukten zu investieren, was wiederum dazu führt, dass sie andere grundlegende Bedürfnisse wie Lebensmittel, Unterkunft und Transport vernachlässigen müssen. Der mangelnde Zugang zu Menstruationsprodukten kann negative Auswirkungen auf die individuelle Gesundheit haben, wie z. B. Infektionen, Reizungen und Stress. Die Schwierigkeiten beim Umgang mit der Menstruation während der Obdachlosigkeit erhöhen die Anfälligkeit der Betroffenen für gynäkologische Infektionen. Menstruationsbedingte Herausforderungen für Wohnungslose können darüber hinaus zu dauerhaften Auswirkungen führen, darunter Gesundheitsrisiken, psychische Probleme, soziale Isolation und beeinträchtigte Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten [...].
56 In einer aktuellen Studie der US-amerikanischen Purdue University gaben mehrere der befragten obdachlosen Frauen an, für die Dauer ihrer Menstruation Schmerzmittel zu benötigen, um die Krämpfe ertragen zu können. Es fehle ihnen an einem bequemen Ort, an dem sie sich hinlegen und von den Krämpfen entlasten könnten (DeMarie et. al.; a.a.O., S. 4). Für die Dauer ihrer Periode fühlten sie sich ohne Unterkunft besonders verletzlich, hätten mit Stimmungsschwankungen zu kämpfen und schämten sich, wenn sie ihre Periode gegenüber Fremden oder männlichen Sozialarbeitern offenlegen müssten, um Hygieneprodukte zu erhalten (DeMarie et. al.; a.a.O., S. 5). Öffentliche Toiletten seien nicht rund um die Uhr geöffnet, sodass sie während ihrer Periode oft nicht die Möglichkeit hätten, sich selbst oder ihre Unterwäsche zu waschen(DeMarie et. al.; a.a.O., S. 6). In einer britischen Studie aus dem Jahr 2020, in deren Rahmen 40 Frauen in prekären Wohnsituationen befragt wurden, beschrieb die Mehrheit der befragten Frauen ihre Erfahrungen mit der Menstruation als eine emotionale und schmerzhafte Zeit, die mit negativen Empfindungen wie Reizbarkeit, Stress, Verletzlichkeit und Symptomen wie schlechter Laune, Angstzuständen und Depressionen einhergeht. Ihr Bedürfnis nach Ruhe und Privatsphäre könnten sie aufgrund ihrer unsicheren Wohnsituation nicht erfüllen und empfänden sich selbst als schmutzig und abstoßend, weil sie nicht genug Gelegenheiten hätten, sich zu waschen [...]. Weiter gaben die befragten Frauen an, sich Menstruationsprodukte nicht leisten zu können, und deswegen Toilettenpapier von öffentlichen Toiletten verwenden oder Hygieneartikel stehlen zu müssen(Shailini Vora, The Realities of Period Poverty, S. 38). Die extreme Sichtbarkeit der Obdachlosigkeit steht in starkem Kontrast zu der Intimität, die notwendig ist, um die körperlichen und emotionalen Aspekte der Menstruation zu bewältigen (Shailini Vora, The Realities of Period Poverty, S. 37).
57 bb. Die strukturellen Nachteile, denen geflüchtete Frauen ausgesetzt sind, wirken sich auch auf die Lebenssituation weiblicher Geflüchteter in Griechenland aus.
58 (1) Der Zugang zum griechischen Arbeitsmarkt ist für weibliche Schutzberechtigte noch schwerer zu erlangen als für männliche Schutzberechtigte.
59 In der griechischen Gesellschaft werden die Pflege des Haushalts, der Kinder und älterer Menschen im Allgemeinen als Aufgabe der Frauen angesehen. Da griechische Frauen jedoch zunehmend Diplome und Hochschulabschlüsse erwerben und im formellen Sektor beschäftigt sind, entsteht ein Bedarf an traditionellen Familienrollen. Die Realität ist, dass die Emanzipation der Frauen nicht mit einer entsprechenden Verlagerung der häuslichen Pflichten auf die Männer einherging. Um diese Lücke zu schließen, begannen Migrantinnen Ende der 90er Jahre, in die informelle Wirtschaft einzusteigen. Migrantinnen sind überproportional häufig in Teilzeitbeschäftigungen tätig, die oft unfreiwillig und prekär sind. Ihre Aufgaben bestehen überwiegend in der Erbringung indirekter Dienstleistungen für Einzelpersonen, darunter Mütterhilfe, Altenpflege, Haushaltsreinigung und Hausmeistertätigkeiten, insbesondere im Pflegebereich. Darüber hinaus ist eine beträchtliche Anzahl von Migrantinnen in der Dienstleistungsbranche tätig, wo sie unqualifizierte Tätigkeiten in Bereichen wie Gastronomie, Hotellerie, Supermärkten, Reinigungsdiensten und geschäftsbezogenen Funktionen ausüben. Diese Spezialisierung in der Beschäftigung bringt Migrantinnen oft in prekäre berufliche Situationen und setzt sie einem höheren Risiko der Arbeitslosigkeit aus. Sie sind auf dem Arbeitsmarkt einer doppelten Diskriminierung ausgesetzt, sowohl aufgrund ihrer tatsächlichen oder wahrgenommenen ethnischen Herkunft als auch aufgrund ihres Geschlechts. Darüber hinaus ist informelle Beschäftigung weit verbreitet, wobei Migrantinnen Tätigkeiten ausüben, die nicht offiziell gemeldet oder von den staatlichen Behörden anerkannt sind [...].
60 Selbst hoch qualifizierte Migrantinnen sind vielfach in gering qualifizierten Jobs beschäftigt und arbeiten zuweilen unter prekären Arbeitsbedingungen (SolidarityNow, The Reality of Employment for Migrant Women in Greece, 2024, S. 34).72 % der befragten Migrantinnen, vor allem alleinerziehende Mütter, gaben gegenüber der NGO SolidarityNow an, dass sie Schwierigkeiten hatten, während ihrer Arbeit eine geeignete Kinderbetreuung zu finden. Zudem schilderten mehr als 53 % der befragten Migrantinnen, fast täglich Gefühle oder Gedanken von Angst, Stress, Schlaflosigkeit, übermäßiger Sorge, Anspannung, Depression, Furcht, Müdigkeit, Magenschmerzen, Traurigkeit, Knochenschmerzen und geringem Selbstwertgefühl zu verspüren (SolidarityNow, The Reality of Employment for Migrant Women in Greece, 2024, S. 34). Der UNHCR stellte einen signifikanten Zusammenhang fest zwischen der Art der Unterkunft und der Beschäftigung: Antragsteller und Begünstigte, die selbst für ihre Unterkunft sorgten, hatten einen deutlich besseren Zugang zu Beschäftigung (68 %) als diejenigen, die im ehemaligen ESTIA-Programm untergebracht waren oder durch das HELIOS-Projekt unterstützt wurden (16 %), und noch mehr als diejenigen, die in Lagern lebten (10 %). Die Studie stellte auch ein hohes Maß an Ausbeutung und undokumentierter Arbeit fest, wobei nur 36 % der arbeitenden Antragsteller bzw. 48 % der Begünstigten einen formellen Vertrag hatten, während in allen Fällen derjenigen, die arbeiteten, Löhne deutlich unter dem griechischen Mindestlohn lagen, obwohl die wöchentliche Arbeitszeit in 41 % der Fälle der durchschnittlichen Arbeitszeit griechischer Staatsangehöriger entsprach und in 22 % der Fälle sogar darüber lag (60-Stunden-Woche). Ein Drittel der Teilnehmer (31 % der Männer und 33 % der Frauen) gab außerdem an, sich auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert zu fühlen, während ein sehr hoher Prozentsatz aller Teilnehmer (68 %) angab, aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten auf negative Bewältigungsmechanismen wie das Auslassen von Mahlzeiten zurückgreifen zu müssen (AIDA/ECRE, Country Report: Greece. Update on 2024, 15.09.2025, S. 203).
61 Geflüchtete Frauen sind in Griechenland zudem überdurchschnittlich häufig von Erwerbslosigkeit betroffen. Die Arbeitslosenquote in Griechenland blieb im Jahr 2024 allgemein höher als im Rest der EU(9,4 % gegenüber 6,3 % EU-weit). Unter der Migrantenbevölkerung ist die Arbeitslosenquote noch deutlich höher und erreicht fast 20 %. Die höchsten Arbeitslosenquoten sind bei Frauen (15,7 %), Personen mit Grund- bis Sekundarschulbildung (26 %) und Personen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren (53 %) zu beobachten (Zahlen von 2023: SolidarityNow, The Reality of Employment for Migrant Women in Greece, 2024, S. 8). Der UNHCR ermittelte in einer Studie, in deren Rahmen zwischen Mai und Juli 2022 mehr als 3.700 Asylantragsteller und Begünstigte internationalen Schutzes befragt wurden, dass 64 % der insgesamt befragten Teilnehmer in den vier Wochen vor ihrer Teilnahme an der Umfrage nicht erwerbstätig waren, obwohl mehr als die Hälfte aktiv auf Arbeitssuche war. Die Studie stellte eine geschlechtsspezifische Kluft beim Zugang zu Beschäftigung fest, wobei Frauen deutlich stärker betroffen waren als Männer: Die Arbeitslosenquote bei Frauen lag bei 82 %, gegenüber 54 % bei Männern. Interessanterweise wurde kein signifikanter Unterschied in Bezug auf die Beschäftigung aufgrund des rechtlichen Status der Befragten festgestellt, wobei die Arbeitslosigkeit Antragsteller (66 %) und Begünstigte (62 %) von internationalem Schutz in ähnlichem Maße betraf (AIDA/ECRE, Country Report: Greece. Update on 2024, 15.09.2025, S. 203). In einer weiteren Umfrage des UNHCR, basierend auf Interviews von 424 Begünstigten internationalen Schutzes in Griechenland von Juli 2022 bis Juni 2023 gaben 29 % der Befragten an, zum Zeitpunkt der Befragung erwerbstätig zu sein oder in den vier Wochen vor der Befragung gearbeitet zu haben. Davon hatten 17 % eine reguläre Arbeit und 12 % arbeiteten gelegentlich (AIDA/ECRE, Country Report: Greece. Update on 2024, 15.09.2025, S. 262).
62 Gegenüber dem UNHCR gaben die Befragten an, dass die größten Hindernisse bei der Arbeitssuche darin bestanden, dass sie kein Griechisch sprachen, keine legale Beschäftigung fanden und wichtige Dokumente fehlten. Dies betraf 74 % der Befragten. Als zusätzliche Herausforderung wurde der Mangel an Kinderbetreuung genannt, von dem insbesondere Frauen mit kleinen Kindern (0-4 Jahre)betroffen waren. Von dieser Gruppe gaben 56 % an, dass der Mangel an Kinderbetreuung ihre Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt (AIDA/ECRE, Country Report: Greece. Update on 2024, 15.09.2025, S. 262). Frauen im Alter von 17 bis 29 Jahren sind in Griechenland in Bezug auf Beschäftigung noch stärker gefährdet als ältere Frauen, weil sie gezwungen waren, ihr Land in jungen Jahren zu verlassen und daher keine Möglichkeit hatten, ihre Bildungswünsche zu verwirklichen und wertvolle Berufserfahrung zu sammeln (SolidarityNow,The Reality of Employment for Migrant Women in Greece, 2024, S. 16 f.).
63 (2) Auch die ohnehin stark begrenzten Möglichkeiten des Zugangs zu Obdachlosenunterkünften sind für Frauen noch eingeschränkter als für Männer. So lässt beispielsweise das Mehrzweckzentrum des Zentrums für Aufnahme und Solidarität der Stadt Athen (KYADA) keine Familien oder alleinstehende Frauen zu (AIDA/ECRE, Country Report: Greece. Update on 2024, 15.09.2025, S. 259 f.). Geflüchtete und migrantische Frauen sind in Griechenland zudem einem erhöhten Risiko ausgesetzt, Opfer von Menschenhandel zu werden. NGOs berichten, dass organisierte kriminelle Gruppen Frauen in Migranten- und Flüchtlingslagern in provisorischen Bordellen zum Sexhandel zwingen können. In den Jahren 2024 und 2025 reduzierte die griechische Regierung indes ihre Bemühungen zum Schutz der Opfer von Menschenhandel (US Department of State (USDOS), 2025 Trafficking in Persons Report: Greece, 29.09.2025,abrufbar unter: www.ecoi.net/de/dokument/2130598.html). Zwar gelten Kinder und solche Frauen, die von Genitalverstümmelung oder anderen schweren Formen von Gewalt betroffen waren, in Griechenland als Angehörige einer vulnerablen Gruppe (AIDA/ECRE, Country Report: Greece. Update on 2024, 15.09.2025, S. 132). Vulnerablen Personen gesteht das griechische Gesetz besondere Aufnahmebedingungen und besondere Verfahrensgarantien zu (AIDA/ECRE, Country Report: Greece. Update on 2024, 15.09.2025, S. 132). In der Praxis bestehen jedoch ausweislich der Informationen des Griechischen Flüchtlingsrats(Greek Council for Refugees, GCR) Probleme bei der korrekten Identifizierung vulnerabler Personen. So fehlt es oftmals an einer psychosozialen Beurteilung, es bestehen Schwierigkeiten bei der Überweisung an öffentliche Krankenhäuser, die medizinischen Untersuchungen sowie die psychosoziale Unterstützung weisen eine geringe Qualität auf und es mangelt an Informationen über das Ergebnis des Verfahrens(AIDA/ECRE, Country Report: Greece. Update on 2024, 15.09.2025, S. 135)./p>
64 c. Die Argumentation anderer Verwaltungsgerichte, weiblichen Geflüchteten drohe in Griechenland keine unmenschliche und erniedrigende Behandlung, weil diese ebenso wie geflüchtete Männer Schwarzarbeit verrichten und auf Notschlafstellen zurückgreifen könnten (so VG Frankfurt, Beschluss vom 28.11.2025 - 12 L 4728/25.F.A -, juris Rn. 12 ff.; VG Cottbus, Beschluss vom 20.11.2025 - 5 L 599/25.A -,juris Rn. 20; VG Würzburg, Beschluss vom 05.11.2025 - W 1 S 25.35149 -, juris Rn. 58; VG Greifswald, Beschluss vom 28.10.2025 - 1 B 3174/25 HGW -, juris; VG Göttingen, Beschluss vom 22.10.2025 - 2 B 599/25 -, juris; VG Halle (Saale), Beschluss vom 13.10.2025 - 4 B 320/25 HAL -, juris; VG Regensburg, Beschluss vom 07.10.2025 - RO 13 S 25.33980 -, juris Rn. 34), überzeugt nicht.
65 Dass in Griechenland Notschlafstellen oder Obdachlosenunterkünfte in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen, hat das BVerwG, auf dessen Urteil (1 C 18.24 -, juris Rn. 40 ff.) diese Verwaltungsgerichte Bezug nehmen, schon für schutzberechtigte Männer nicht nachvollziehbar dargelegt (dazu VG Hannover, Beschluss vom 21.07.2025 - 15 B 6309/25 -, juris Rn. 34 ff.; VG Hamburg, Beschluss vom 26.09.2025 - 12 A 7005/25 -, juris Rn. 2 ff.; VG Oldenburg, Beschluss vom 24.07.2025 - 12 B 5698/25 -,juris Rn. 23; VG Dresden, Beschluss vom 25.11.2025 - 2 L 1081/25.A -, juris Rn. 32 ff.). Auf die Frage, wo genau mehrere Tausende Familien und alleinstehende Frauen, die nunmehr mit einer Abschiebung aus Deutschland und anderen EU-Ländern nach Griechenland rechnen müssen, eine "temporäre, wechselnde Unterkunft oder Notschlafstelle mit einem Minimum an erreichbaren sanitären Einrichtungen" (VG Frankfurt, a.a.O., juris Rn. 12; VG Würzburg, a.a.O., juris Rn. 58; VG Regensburg, a.a.O., juris Rn. 35)finden sollen, können die Gerichte nicht nachvollziehbar beantworten. Stattdessen verweist etwa das VG Frankfurt weibliche Schutzberechtigte pauschal auf elf (!) Plätze im Projekt Night Shelter for the Homeless von Medicines du Monde (MDM) in Athen sowie allgemein auf einige Einrichtungen und Hilfsangebote des National Centre for Social Solidarity (NCSS bzw. EKKA) (a.a.O., juris Rn. 13). Die NGO EKKA musste allerdings ausweislich der Angaben auf ihrer Internetseite ihre Notunterkunft für Frauen bereits im Jahr 2020 schließen und verfügt nun nur noch über eine Unterkunft in Thessaloniki mit 20 Betten (https://ekka.org.gr/index.php/en/domes-ypiresies-en/ksenones-en). Das US Department of State berichtet, dass die Unterkünfte von EKKA einigen weiblichen Betroffenen von Gewalt aufgrund mangelnder Kapazitäten, Ressourcen oder Platz Unterstützung verweigern mussten (USDOS, 2025 Trafficking in Persons Report: Greece, www.state.gov/reports/2025-trafficking-in-persons-report/greece/)